# Quantitative Ansätze in der Filmwissenschaft
## Varianten quantitativer Ansätze
Quantitative Ansätze haben in der Filmwissenschaft bereits eine lange Tradition - auch wenn sich Methoden der Digital Humanities und die damit verbundenen quantitativen Vorgehensweisen in den letzten Jahren eher langsam in diesem Bereich verbreiten. In diesem Kapitel sollen verschiedene Varianten quantitativer Ansätze überblicksartig dargestellt werden. Eine umfassende Beschäftigung mit diesem Themenbereich würde an dieser Stelle zu weit führen und kann hier nicht geleistet werden. Wir beschränken uns daher auf einige exemplarische Ansätze, die insbesondere auch für unsere Fallstudie interessant sein können.

Als einer der Begründer quantitativer Vorgehensweisen in der Filmwissenschaft gilt Barry Salt. 1974 erschien sein wegweisender Artikel *Statistical Style Analysis of Motion Pictures* {cite}`ac-Salt_1974`. Salt geht darin davon aus, dass sich individuelle Stile von Regisseur:innen genauso in formalen Aspekten wie in den Inhalten der Filme zeigen. Um diese formalen Eigenschaften zu erfassen schlägt Salt vor, diejenigen Variablen zu betrachten, die am meisten der Kontrolle der Regisseur:innen unterliegen. Diese seien auch am einfachsten zu quantifizieren. Im einzelnen sind dies die Länge der Einstellungen in einem Film, die Zahl der Einstellungen mit unterschiedlichen Einstellungsgrößen  und schließlich unterschiedliche Kamerabewegungen wie statisch, horizontale oder vertikale Schwenks (pan und tilt). 

Für eine statistische Stilanalyse müssen nach Salt nun die Filme einer:s Regisseur:in hinsichtlich dieser erfassten formalen Elemente miteinander verglichen werden. Notwendig ist aber auch ein Vergleich mit Filmen anderer Regisseur:innen mit ähnlichen Genres, die zur gleichen Zeit entstanden sind. Somit soll einbezogen werden, welche Normen und technische Standards zu dieser Zeit üblich waren, also ein Vergleichsstandard geschaffen werden, vor dessen Hintergrund stilistische Eigenheiten eines:r Regisseur:in deutlich werden können.

Als Beispiel bezieht sich Salt auf die Filme Jean Renoirs aus den frühen 1930er Jahren. Er kommt zum Schluss, dass sich erstaunlicherweise die Verteilung der Einstellungslängen nicht entscheidend von der anderer Filmemacher:innen der Zeit unterscheidet; hier hätte Salt eine größere Abweichung bei Renoir erwartet. Unterschiede ergeben sich allerdings in Bezug auf die Verteilung der Einstellungsgrößen, da Renoir nähere Einstellungen bevorzugt. Die Kamerabewegung scheint hingegen als charakteristisches stilistisches Element eine geringere Rolle zu spielen.

Durch diese statistische Stilanalyse von Spielfilmen und die quantitative Auswertung bestimmter charakteristischer Merkmale möchte Salt individuelle Filmstile objektiv erfassbar machen - also bloße Behauptungen von Filmkritiker:innen und rein 'gefühlte' Unterschiede im Stil unterschiedlicher Regisseur:innen überwinden. Auch wenn Salt zahlreiche weitere Studien durchführte und seine Überlegungen zur quantitativen Stilanalyse konsequent weiter entwickelte {cite}`ac-Salt_2009`, konnte sich sein Ansatz nicht in der Breite durchsetzen. Auf die Kritik an quantitativen Ansätzen werden wir weiter unten noch eingehen.

Dietmar Kammerer stellt ebenfalls fest, dass "die *statistical style analysis* innerhalb der Filmwissenschaft lange Zeit eine randständige Methode geblieben" ist. Allerdings habe sich durch die fortschreitende Digitalisierung von Filmen und die Anwendung computergestützte Verfahren im Rahmen der Digital Humanities in den letzten Jahren "eine Konjunktur messender und quantitativer Verfahren" ergeben {cite}`ac-Kammerer_2017`. Die Bestimmung der Einstellungslänge bildet nach Adelheid Heftberger dabei nach wie vor einen wichtigen Ausgangspunkt für die Analyse weiterer formaler Elemente von Filmen {cite}`ac-Heftberger_2016`. Eine wichtige Größe für die statistische Filmanalyse ist dabei die mittlere Einstellungslänge, also die "Average shot lenght" (ASL), die sich aus der Länge des Films geteilt durch die Anzahl der Einstellungen errechnet und oft als Indikator für einen bestimmten Montagestil gesehen wird - schneller oder langsamer Schnitt.

Es sind jedoch auch andere quantitative Herangehensweisen in der Filmwissenschaft möglich. Miłosz Stelmach schlägt eine Typologie vor, die drei Bereiche der Anwendung quantitativer Methoden ausdifferenziert, die sich jedoch überschneiden können {cite}`ac-Stelmach_2024`:

 - die Analyse filmischer Metadaten - Forschungen zum Kontext: Daten zur Entstehung, Produktionsprozessen, Rezeption, Vermarktung etc. von Filmen werden gesammelt und quantitativ ausgewertet; ein Beispiel für diese Forschung mit Metadaten haben wir in der  <a href="https://quadriga-dk.github.io/Bewegtes-Bild-Fallstudie-2/intro.html" class="external-link" target="_blank">Fallstudie II zum Bewegten Bild (Studentische Filme) </a>ausgeführt.
 - Psychologie und Neurowissenschaft- Forschungen zu Zuschauer:innen: Physiologische Reaktionen oder kognitive Aktivitäten der Rezipient:innen werden gemessen und die Ergebnisse statistisch ausgewertet; es geht also um die Reaktionen des menschlichen Körpers auf filmische Stimuli.
 - Cinemetrics und Distant Viewing - Forschungen zum Film: Der Begriff Cinemetrics wird hier sehr breit verwendet und meint quantitative Ansätze, die sich auf das Filmwerk  selbst und dessen Inhalt, stilistische Elemente oder formalen Parameter beziehen.

In dieser Fallstudie werden wir uns auf den dritten Bereich der formalen Komponenten konzentrieren und nicht weiter auf die Ebenen der kontextuellen Metadaten oder der Rezeption eingehen.
 
Wie bereits kurz ausgeführt beschäftigen sich quantitative Stilanalysen häufig mit der Handschrift einzelner Regisseur:innen im Sinne der Auteurtheorie, indem wiederkehrende charakteristische Merkmale im Oeuvre einer:s Filmemacher:in herausgearbeitet werden. Barry Salt untersucht etwa stilistische Charakteristika in Ingmar Bergmans Werk {cite}`ac-Salt_2020`. Ähnlich wie bereits oben dargelegt bestimmt er die Einstellungslängen, Einstellungsgrößen und Kamerabewegungen in Bergmans Filmen. Nach der statistischen Auswertung der erhobenen quantitativen Daten kommt er zun Schluss, dass sich dessen Werk hinsichtlich der stilistischen Gestaltung in drei Phasen einteilen lässt und sein Film "Persona" (S 1966) dabei einen Wendepunkt darstellt. Dabei ist eine Entwicklung hin zu immer mehr Großaufnahmen in seinen Filmen zu erkennen, wobei die Filme in Gegensatz zum internationalen Trend nicht zunehmend schneller geschnitten sind. Als charakteristisch für Bergman und quasi dessen 'signature shot' arbeitet Salt die stilistische Gestaltung seiner Liebesszenen heraus, die sich durch eine Kombination von nahen Einstellungen mit vertikalen und horizontalen Schwenks auszeichneten.

András Bálint Kovács untersucht die Verteilung von Einstellungsgrößen (Shot Scale Distribution (SSD)) bei Michelangelo Antonioni und Ingmar Bergman {cite}`ac-Kovács_2014`. Er geht davon aus, dass die Vorliebe für bestimmte Einstellungsgrößen ein wichtiger Faktor für einen individuellen Stil sein kann - auch wenn davon auszugehen ist, dass die Regisseur:innen den Einsatz spezifischer Einstellungsgrößen bzw. wiederkehrende Muster für die Verwendung von Einstellungsgrößen nicht immer bewusst planen. Durch die statistische Auswertung der SSD kommt Kovács zu dem Schluss, dass sich bei Antonioni und Bergman charakteristische Verteilungsmuster ergeben, die mit bestimmten Schaffensphasen korrelieren und sich von Verteilungsmuster von in der gleichen Zeit entstandenen Filmen anderer Regisseur:innen absetzen. Die SSD kann also gleichsam als 'Fingerabdruck' eines:r Autor:in gesehen werden.

Solche quantitativen Ansätze werden jedoch auch kritisch betrachtet. Welche statistischen Verteilungsmodelle auf die erhobenen Daten zu stilistischen Variablen angewendet werden sollen wird z.B. kontrovers diskutiert, etwa in verschiedenen Artikeln auf der <a href="https://cinemetrics.uchicago.edu/articles" class="external-link" target="_blank">Cinemetrics-Website</a>. Bemängelt wird auch, dass die Auswahl der quantitativ untersuchten Variablen wie Einstellungslänge, Kameraeinstellung oder Kamerabewegung meist sehr eng gesetzt ist und andere stilistische Elemente wie Ton, Farbgebung oder Lichtsetzung nicht berücksichtigt werden. Im Grunde müsste es zudem eher darum gehen zu erforschen, welche Variablen in welcher Kombination zusammenspielen und wie dadurch Unterschiede in Genres, Filmstilen und Narrationsweisen entstehen können. Und hierfür muss entschieden werden, welche Variablem jeweils sinnvollerweise wie in die Analyse einbezogen werden {cite}`ac-Bateman_2014`. 

Eine rein quantitative, statistische Erfassung stilistischer Merkmale reicht somit nicht aus, da diese immer auch in ihren konkreten Funktionen und Bedeutungen gesehen werden müssen. Die quantitative Auswertung muss also immer auch mit qualitativen Herangehensweisen ergänzt werden. Dietmar Kammerer weist darauf hin, dass es irreführend wäre "die zählenden und messenden Methoden der Filmanalyse als rein quantitative Verfahren zu charakterisieren. Vielmehr vollziehen sich in ihnen Aushandlungsprozesse zwischen quantitativen und qualitativen Dimensionen." {cite}`ac-Kammerer_2017` Größen wie z.B. die *Avarage Shot lenght (ASL)*, also die durchschnittliche Einstellungslänge würden nur dann aussagekräftig, wenn sie mit qualitativen Faktoren verbunden werden, wie z.B. die Untersuchung des Rezeptionskontextes: ob eine Schnittfrequenz als schnell oder langsam wahrgenommen werde sei z.B. historisch wandelbar und hänge auch mit Fragen des Genres zusammen. Die ASL sollte also auch immer mit anderen Filmen und Rezeptionserwartungen in Bezug gesetzt werden.

Quantitative Vorgehensweisen sind daher immer auch als Ergänzung und Erweiterung von qualitativen Ansätzen zu sehen und nicht als deren Ersatz oder Konkurrenz. Quantitative Analysen liefern keine fertigen Antworten. Die Interpretation der quantitativen Daten muss immer erst noch erfolgen und dabei wird sinnvollerweise auf etablierte qualitative Verfahren zurückgegriffen. Im besten Fall können quantitative Ansätze bisher unerkannte (stilistische) Muster sichtbar machen und neue Perspektiven auf bekannte Forschungsfragen eröffnen. Solche neuen Perspektiven können sich auch durch das *Scalable Viewing* ergeben, das durch die quantitativen Annotationsdaten ermöglicht wird.

## Scalable Viewing
Computergestützte Verfahren ermöglichen die Untersuchung großer Filmkorpora, die sonst in ihrer Gesamtheit nur schwer oder gar nicht analytisch fassbar wären. Statt einzelne Filme zu analysieren können (Annotations)daten zu einer großen Zahl an Filmen untersucht werden. Muster, Entwicklungen und Zusammenhänge jenseits einzelner Werke sollen so sichtbar gemacht werden, die also in großen Gruppen von Filmen auftreten. Im Rahmen des Scalable Viewing sollen aber nicht nur diese übergreifend wiederkehrenden Strukturen in den Fokus treten, sondern es ist gleichzeitig möglich, gezielt auf einzelne Filme aus dieser Gruppe zuzugreifen und diese Strukturen im konkreten Einzelwerk zu betrachten.

Was ist nun mit Scalable Viewing genauer gemeint? Im Zuge seiner Beschäftigung mit Scalable Reading stellt Erik Koenen fest, dass im Kontext der Digital Humanities und durch die immer größer werdende Masse an frei zugänglichen Digitalisaten sich der Bedarf ergab, "Forschung skalierend zu konzipieren" {cite}`ac-Koenen_2026`. Damit ist u.a. die Möglichkeit gemeint, ein Detail aus einer großen Menge von Texten zu 'vergrößern', also quasi hinein zu zoomen oder aber auch den Blick auf das Ganze zu 'verkleinern', also heraus zu zoomen und größere, transtextuelle Strukturen zu betrachten. Damit verändere sich auch insgesamt der Blick auf Texte und wie diese verglichen und gruppiert werden. Koenen legt auch dar, dass Skalierung nicht erst mit der Digitalisierung zum Thema wurde, sondern eigentlich bei jeder Medienrevolution eine Rolle spielte, z.B. bei der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg 1450. Durch Skalierung ergeben sich also letztlich immer wieder neue, interessante Perspektiven:
>Skalierungen legen uns offen, es gibt nicht nur eine oder gar *die* eine Sicht auf ein Wissensobjekt, sondern abhängig von und bedingt durch den skalaren Formen- und Ordnungsreichtum von Wissensobjekten sind viele sich ergänzende Sichten möglich. {cite}`ac-Koenen_2026`

Johannes Pause und Niels-Oliver Walkowski übertragen das Konzept des 'Scalable Readings' als 'Scalable Viewing' von Texten auf Medienerzeugnisse und betonen auch hier, dass dadurch die Möglichkeit besteht, mehrere, ganz unterschiedliche Perspektiven einzunehmen {cite}`ac-Pause_Walkowski_2019`. Computergestützte Verfahren ermöglichen für sie, dass auf das Material immer wieder neu auf ganz unterschiedliche Art zugegriffen wird.
>Die Skalierung dient nicht der Kompensation *der einen* (positivistischen, distanzierten, auf Big Data ausgerichteten) digitalen Methodik, vielmehr ist die **Pluralisierung von Perspektiven auf das Untersuchungsmaterial** selbst das Resultat eines durch computerisierte Verfahren erweiterten wissenschaftlichen Möglichkeitsraums. {cite}`ac-Pause_Walkowski_2019`

Mithilfe des Computers kann beim Scalable Viewing das Untersuchungsmaterial immer wieder neu sortiert und angeordnet werden. Somit werden "Perspektivwechsel zwischen Filmkorpus, bestimmten Untergruppen von Filmen, einzelnen Werken sowie Szenen und Bildbereichen innerhalb von Filmstills" möglich {cite}`ac-Pause_Walkowski_2020`. Dadurch können sich im Idealfall durch das Scalable Viewing und die neuen Perspektiven auch neue Fragestellungen ergeben.

Im folgenden Kapitel werden wir nun einige mögliche Fragestellungen für unsere Fallstudie entwickeln.

## Literatur
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