2.1. Fragestellung#
Die umweltgeschichtliche Forschung hat in den letzten Jahrzehnten quellengestützt herausgearbeitet, wie sich im Zuge des 19. Jahrhunderts die Luftqualität in Deutschland – wie in zahlreichen anderen Gebieten, in denen die Industrialisierung voranschritt – rasant verschlechterte (Brüggemeier, 1996) (Uekötter, 2003). Zeitgenössische Diskussionen um die Rauchplage, um Ausdünstungen und Gase zeichnen ein Bild massiver Luftverschmutzung insbesondere durch die aufkommende Industrie. „Der Obstbaum gedeiht nur kümmerlich und ist er endlich tragbar und steht in Blüthe, so braucht der Hüttenrauch diese nur gelind zu überstreichen, um sie zu vergiften“ (zit. nach (Andersen and Brüggemeier, 1989){S. 64}, heißt es 1846 in einem Beschwerdeschreiben von Anwohner:innen, die im sächsischen Halsbrücke unter dem Rauch und Staub aus den benachbarten Hüttenwerken zu leiden hatten.
Auch wenn literarische Texte als fiktionale Werke keineswegs ihre zeitgenössische Gegenwart abbilden (müssen), erweisen sie sich doch immer wieder als hochsensible Instrumente, die Entwicklungen zum Beispiel in Kultur und Gesellschaft auf besondere Weise beobachten und beobachtbar machen. Der literaturwissenschaftliche Ansatz des Ecocriticism (Bühler, 2016) richtet seine Aufmerksamkeit dabei auf die in literarischen Texten entworfenen und verhandelten Mensch-Umwelt-Beziehungen und diskutiert diese u.a. vor dem Hintergrund von herrschenden Naturkonzepten, zeitgenössischen Menschenbildern oder auch umweltgeschichtlichen Entwicklungen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie sich die Literatur des 19. Jahrhunderts zu der Tatsache verhält, dass die Luft, die ihre Verfasser:innen atmen, rapide stickiger, stickender, dreckiger, schmutziger – insgesamt: schlechter wurde? Dieser ökokritischen Frage nach dem Niederschlag der Luftverschmutzung in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts wollen wir im Folgenden nachgehen.
Forschungsfrage
Lassen sich in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts Reaktionen auf die zunehmende Luftverschmutzung durch die Industrialisierung ausmachen?
2.1.1. Bibliographie#
Andersen, A., & Brüggemeier, F.-J. (1989). Gase, rauch und saurer regen. In F.-J. Brüggemeier, & T. Rommelspacher (Eds.), Besiegte Natur. Geschichte und Umwelt im 19. und 20. Jahrhundert (pp. 64–85). C. H. Beck.
Brüggemeier, F.-J. (1996). Das unendliche Meer der Lüfte: Luftverschmutzung, Industrialisierung und Risikodebatten im 19. Jahrhundert. Klartext Verlag.
Bühler, B. (2016). Ecocriticism: eine Einführung. J.B. Metzler Verlag.
Uekötter, F. (2003). Von der Rauchplage zur ökologischen Revolution: eine Geschichte der Luftverschmutzung in Deutschland und den USA 1880 - 1970. Klartext Verlag.