Operationalisierung

2.2. Operationalisierung#

Die im vorhergehenden Abschnitt entwickelte Forschungsfrage zielt darauf, Phänomene in literarischen Texten und deren Entwicklung über die Zeit zu identifizieren – und das bedeutet im quantitativen Methodenparadigma, in dem wir uns mit unserer Studie bewegen: messbar zu machen. Um eine solche Messung möglich zu machen, muss zunächst eine Operationalisierung der Forschungsfrage erfolgen. “Operationalisierung bezeichnet den Prozess, ein Erkennungs- oder Messverfahren für ein theoretisches Konzept zu entwickeln.” (Krautter et al., 2023).

Für die Operationalisierung unserer Forschungsfrage müssen insbesondere zwei Fragen adressiert werden:

  • Was wäre eine literarische Reaktion auf Umweltphänomene wie die Luftverschmutzung?

  • Wie kann diese gemessen werden?

  • Und was ist die Grundlage für eine solche Messung, bedenkt man, dass uns “die” deutschsprachige Literatur des 19. Jahrhunderts nicht als Korpus vorliegt.

Entlang dieser Fragen nehmen wir unsere Operationalisierung vor. Die Operationalisierung muss dabei Indikatoren benennen, deren Vorhandensein in literarischen Texten wir im Zuge von Messoperationen quantitativ beschreiben können.

In Hinblick auf die erste Frage gegen wir dabei von der folgenden pragmatischen Operationalisierung aus: Auf schematische Weise gedacht, kann Literatur auf Phänomene in der zeitgenössischen Umwelt zum Beispiel durch gesteigerte Thematisierung reagieren. “Luft” könnte in diesem Sinne mehr und mehr Gegenstand in den literarischen Texten werden. Darüber hinaus ist denkbar, dass die Umweltphänomene eine andere Semantisierung erhalten. “Luft” könnte in diesem Sinne zunehmend mit negativer Semantik verbunden werden (und dann etwa eine aufklärerisch-kritische Perspektive einnehmen). Denkbar ist freilich auch das Gegenteil: Literatur könnte utopische Gegenwelten entwerfen und also mit einer herausgehoben positiven Semantik von “Luft” reagieren.

Die mit einer Veränderung in der Thematisierung und in der Semantisierung sind zwei quantifizierbare Phänomene identifiziert, zu denen sich in Hinblick auf unsere zweite Frage Indikatoren für die Messoperationen angeben lassen.

  • Die quantitative Veränderung der Thematisierung von Luft wollen wir über die Ermittlung der Häufigkeit von Wörtern aus dem semantischen Feld “Luft” messbar machen.

  • Die quantitative Veränderung der Semantisierung von Luft wollen wir über die Analyse von syntaktischen N-Grams des Typs “Adjektiv-Substantiv” (z.B. “frische Luft”) messbar machen.

In Hinblick auf die dritte Frage nehmen wir zunächst eine generische Einschränkung vor: Wir werden nicht alle unterschiedlichen literarischen Genres berücksichtigen, sondern nur literarische Erzähltexte. Erzähltexte sind, auf andere Weise als die poetisch verdichtete Lyrik und als die stark dialogische Dramatik, weltentwerfende Texte, sodass wir hier eher erwarten, überhaupt auf messbare Reaktionen auf Umweltveränderungen stoßen zu können. Nun liegt bedauerlicherweise kein GEsamtkorpus der deutschsprachigen Erzählliteratur des 19. Jahrhunderts vor. Deshalb werden wir uns in Kapitel 3 Korpusaufbau ausführlich mit einer Selektionsstrategie für unser Korpus befassen.

Zusammenfassend kommen wir zu der folgenden Operationalisierung:

Operationalisierung

“Die Reaktion der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts auf die zunehmende Luftverschmutzung durch die Industrialisierung machen wir messbar, indem wir erstens nach der Thematisierung von “Luft” fragen und hierfür die Häufigkeit von Wörtern aus dem semantischen Feld “Luft” analysieren und indem wir zweitens nach der Semantisierung von “Luft” fragen und hierfür syntaktischen N-Grams des Typs “Adjektiv-Substantiv” analsieren. Unsere Analysen führen wir auf einem Korpus durch, das aus einer reflektierten Auswahl von deutschsprachigen literarischen Erzähltexten des 19. Jahrhunderts besteht.

Diese Operationalisierung ist, wie jede Operationalisierung in den Digital Humanities, diskutabel. Sie folgt dabei einem quantitativen Methodenparadigma. Und sie wählt mit der Wort- bzw. N-Gram-Häufigkeit einen einfachen Indikator für das zu messende Phänomen. Die Reflektion der Grenzen und Beschränkungen, die mit der eigenen Operationalisierung einhergehen, ist essentieller Bestandteil von Digital Humanities-Projekten. Wir werden in der abschließenden Reflexion darauf zurückkommen.

2.2.1. Bibliographie#

[Krautter et al., 2023]

Krautter, B., Pichler, A., & Reiter, N. (2023). Operationalisierung. Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften – ZfdG. Working Paper 2 der Zeitschrift für digitale Geisteswissenschaften. doi:10.17175/WP_2023_010