6. Reflexion#
6.1. RĂŒckblick auf die Fallstudie#
Wir sind in dieser Fallstudie der Frage nachgegangen, ob sich in der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts Reaktionen auf die zunehmende Luftverschmutzung durch die Industrialisierung ausmachen lassen. Diese haben wir anhand von zwei quantitativen Analysen untersucht. Erstens haben wir eine diachrone HĂ€ufigkeiten-Analyse des semantischen Felds âLuftâ durchgefĂŒhrt. Wir haben dabei erwartet, dass Luft ĂŒber Zeit vermehrt thematisiert wird, das heiĂt, die Wörter des semantischen Felds hĂ€ufiger vorkommen. Zweitens haben wir untersucht, ob sich die Semantisierung von Luft ĂŒber die Zeit verĂ€ndert. DafĂŒr haben wir syntaktsische N-Grams in Form von Adjektiv-Substantiv-Paaren analysiert, bei denen das Substantiv âLuftâ ist. Wir sind davon ausgegangen, dass sich die Semantisierung verĂ€ndert und Literatur auf diese Art auf die historischen Gegebenheiten reagiert.
6.2. Diskussion der Ergebnisse im Lichte der Fragestellung#
Die Ergebnisse unserer ökokritischen Korpusanalyse lassen sich vor dem Hintergrund der vorgenommenen Operationalisierung unserer Fragestellung zu zwei Kernaussagen verdichten: Erstens konnten wir die quantitative Ausgangshypothese einer zunehmenden literarischen Thematisierung von Luft mit unserer Analyse nicht bestĂ€tigen. Wir konnten, anders gesagt, keinen belastbaren Hinweis darauf finden, dass âLuftâ im Verlauf des 19. Jahrhunderts an literarischer Aufmerksamkeit gewinnt. Zweitens konnten wir zeigen, dass auf der Ebene der Semantisierung weitgehend stabil ein positives Profil dominiert, dass âLuftâ in unseren Korpora also ĂŒber das ganze 19. Jahrhundert hinweg vorwiegend mit positiver Semantik auftritt. Die Analysen konnten damit keine Indizien fĂŒr eine zunehmende Thematisierung oder gar fĂŒr eine kritische Reflexion der zeitgenössischen Luftverschmutzung ausfindig machen. Sie legen vielmehr eine stabile literarische Normalsemantik der Luft offen, die von positiven, vor allem landschaftlichen und freiheitsbezogenen Vorstellungen dominiert wird, wĂ€hrend Zeichen belasteter AtmosphĂ€re randstĂ€ndig bleiben. Wie bereits am Ende des zurĂŒckliegenden Kapitels angedeutet, könnten diese Ergebnisse als Argumente fĂŒr eine Deutung genommen werden, die in der Literatur eine utopische Gegenwelt zur sich entwickelnden ökologischen Krise im Kontext der Texte sieht. Diese Option war im einleitenden Operationalisierungskapitel skizziert worden (âLiteratur könnte utopische Gegenwelten entwerfen und also mit einer herausgehoben positiven Semantik von âLuftâ reagierenâ, siehe research-question_operationalization). In der eingefĂŒhrten Ausrichtung lĂ€sst sich auch diese Deutung allerdings nicht halten, sondern nur in Abwandlung, denn eine explizite Reaktion können wir ja gerade nicht nachweisen. Die abgewandelte Deutung wĂŒrde demgegenĂŒber von Literatur als einer weitgehend stabilen, von krisenhaften Entwicklungen in der zeitgenössischen Umwelt in der Breite letztlich unbehelligten ReprĂ€sentationsform ausgehen, die eine positiv semantisierte, von destruktiven KrĂ€ften nicht berĂŒhrte Natur darstellt. Eine solche Deutung könnte auf theoriegeleitete Ăberlegungen aus der qualitativ-historischen Forschung der Literatur- und Kulturwissenschaft zurĂŒckgreifen, die sich gewissermaĂen als StĂŒtzhypothesen verwenden lieĂen. Erstens könnte die ausbleibende Zunahme in der Thematisierung in Beziehung gesetzt werden zu Rob Nixons Konzept der âSlow Violenceâ (Nixon, 2011): Luftverschmutzung lĂ€sst sich in diesem Sinne als ein graduelles, disperses, ereignisarmes Geschehen der âSlow Violenceâ begreifen, das sich der ereignisförmigen Narrativierung tendenziell widersetzt. DarĂŒber hinaus kann Bezug genommen werden auf die literaturhistorische Forschung, die â insbesondere im Hinblick auf problematische und krisenhafte soziale oder ökologische Aspekte â die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts insgesamt im Zeichen eines spezifischen, durch die idealistische Literaturtheorie geprĂ€gten Realismus stehen sieht (u.a. Stockinger (2010)), wobei sich erst die avantgardistische Nischenbewegung des Naturalismus am Ende des Jahrhunderts an einem âungeschöntenâ Wirklichkeitsbezug versucht: âIm Vordergrundâ der Literatur des 19. Jahrhunderts steht hingegen ânicht die unverfĂ€lschte Wiedergabe alltĂ€glicher Vorkommnisse, sondern deren âVerklĂ€rungâ. Das HĂ€ssliche wird ausgeblendet oder poetisch ĂŒberhöhtâ (u.a. Stockinger (2010), S. 8). Die Darstellung ökologischer Krisen scheint inkompatibel mit dieser literarĂ€sthetischen Konfiguration.
6.3. Korpus- und Methodenkritik#
WĂ€hrend diese abgewandelte Deutung, nach der die Literatur des 19. Jahrhunderts letztlich als ein VerklĂ€rungsinstrument erscheint, das die Effekte der ökologischen Slow Violence nicht erfasst, nun weiter zu kontextualisieren und in Folgestudien zu differenzieren und zu vertiefen wĂ€re, lassen sich im Hinblick auf die zurĂŒckliegenden Kapitel noch einige einschrĂ€nkende Reflexionen anbringen, die die Grenzen (âLimitationsâ), insbesondere die methodisch-konzeptionellen BeschrĂ€nkungen unserer Studie in den Blick nehmen.
â Reichweite der Operationalisierung. Die Analysen in Kapitel 5 erfassen nur solche âReaktionenâ auf Luftverschmutzung, die sich explizit im untersuchten Wortschatz zeigen. Indirekte Formen â etwa atmosphĂ€rische Darstellungen, motivische Verschiebungen oder die Behandlung von Umweltverschmutzung anhand anderer Elemente wie Wasser â bleiben unberĂŒcksichtigt. Der negative Befund bedeutet daher nicht, dass es keine literarische Reaktion gab, sondern nur, dass sie mit unserem (theoriegeleitet gewĂ€hlten) Verfahren nicht sichtbar wird. Es kann aber andere Operationalisierungen geben, die mit anderen Möglichkeiten der Sichtbarmachung einhergehen.
â Zusammensetzung des semantischen Feldes. Die Wortliste verbindet sehr unterschiedliche Bereiche, etwa belastete, heilsame und technisch genutzte Luft. Solche Teilbereiche können sich in der Gesamtstatistik gegenseitig ausgleichen. Zudem wird das Ergebnis stark von wenigen hĂ€ufigen und mehrdeutigen Wörtern, vor allem âLuftâ selbst, geprĂ€gt. Differenzierte Analysen einzelner Teilfelder könnten aussagekrĂ€ftigere Ergebnisse erbringen.
â Grenzen der Semantisierungsanalyse. Untersucht wurden von uns vor allem hĂ€ufige attributive Verbindungen wie âfrische Luftâ. Negative Beschreibungen treten jedoch oft in anderen Formen auf, etwa âdie Luft war stickigâ oder âdie Luft verpestenâ, und bleiben dadurch unerfasst. AuĂerdem ist ohne genauere Kontextanalyse schwer zu entscheiden, ob hĂ€ufige Verbindungen eine historische BedeutungsverĂ€nderung anzeigen oder lediglich konventionalisierte sprachliche Wendungen sind.
â Grenzen des Korpus. Die Auswahl hĂ€ngt von digital verfĂŒgbaren ErzĂ€hltexten ab und enthĂ€lt viele lĂ€ndliche oder naturnahe SchauplĂ€tze. Dadurch könnten industrielle RĂ€ume und belastete AtmosphĂ€ren im Korpus unterreprĂ€sentiert sein. Dies hĂ€ngt auch damit zusammen, dass die verfĂŒgbaren ErzĂ€hltexte letztlich immer noch einen erweiterten Kanon zuzurechnen sind. Ob die ökologische Reflexion nicht vielleicht eher in Texten erfolgt, die es â aus diesem Grund â gerade nicht in den Kanon geschafft haben und entsprechend derzeit nicht digital verfĂŒgbar sind, wissen wir nicht. Aus statistischer Sicht schrĂ€nkt zudem die Ăberschneidung von 176 Texten die UnabhĂ€ngigkeit der beiden Stichproben ein.
6.4. Fazit#
Die vorliegende Fallstudie konnte die Ausgangsfrage nicht abschlieĂend beantworten, zugleich aber wichtige Befunde und weiterfĂŒhrende Perspektiven gewinnen. Gerade aus ökokritischer Perspektive lĂ€sst sich gleichwohl ein produktiver Erkenntnisgewinn festhalten. Der Versuch, die literarische Verhandlung von Mensch-Umwelt-Beziehungen nicht nur an einzelnen kanonischen Texten zu untersuchen, sondern sie korpusbasiert, diachron und quantitativ informiert in gröĂerer Breite sichtbar zu machen, erweitert den Horizont literaturwissenschaftlicher und ökokritischer Forschung gleichermaĂen. Quantitative Analysen ersetzen dabei weder historische Kontextualisierung noch genaue LektĂŒre; sie können aber etablierte Annahmen prĂŒfen, ĂŒbersehene RegelmĂ€Ăigkeiten und Abweichungen aufdecken und neue GegenstĂ€nde fĂŒr qualitative Untersuchungen identifizieren. Angesichts der historischen Tiefe und kulturellen KomplexitĂ€t ökologischer Krisen lassen sich solche Herangehensweisen als methodische Erweiterungen verstehen, mit denen im Zeichen eines Digital Ecocriticism oder auch der Digital Environmental Humanities ein Beitrag zur kritischen SelbstaufklĂ€rung des AnthropozĂ€ns geleistet werden könnte.
6.5. Bibliographie#
Nixon, R. (2011). Slow Violence and the Environmentalism of the Poor. Cambridge, Mass.: Harvard University Press. doi:10.2307/j.ctt2jbsgw