Grundlagen zur Auswertung

5.1. Grundlagen zur Auswertung#

Für die in dieser OER dargestellten Fallstudie sind wir von folgender Frage ausgegangen: Welche besonderen stilistischen Merkmale weisen die Filme Konrad Wolfs auf? Zunächst haben wir hierfür kurz filmalytische Grundlagen dargelegt und welche Rolle Annotationen für die filmanalytische Arbeit spielen. Da es in dieser OER insbesondere um den Einsatz digitaler Verfahren in der Filmwissenschaft geht, lag dabei ein besonderer Fokus auf quantitativen Ansätzen, die hierfür besonders geeignet sind.

Auch in unserer Fallstudie sollten quantitative Ansätze zum Einsatz kommen. Hierfür musste die Fragestellung zunächst weiter eingegrenzt und entschieden werden, welche Film-Annotationen zur Bearbeitung der Fragestellung erstellt werden müssen. Diese Annotationen sollten automatisiert erhoben werden, wobei Methoden der Computer Vision für filmanalytische Zwecke verwendet werden.

Für die Fallstudie und die OER haben wir uns für die automatisierte Annotation von Einstellungsübergängen und Auftreten von Figuren in Filmen entschieden. Die Erfassung von Einstellungen bildet als eine mögliche und gängig Art der zeitlichen Segmentierung eine wichtige Grundlage für die Auswertung weiterer Annotationsdaten. Die Erfassung des Auftretens von Figuren kann in vielen filmanalytischen Kontexten eingesetzt werden und für die Bearbeitung zahlreicher Fragestellungen nützlich sein. Zudem sind beide Annotationsarten mithilfe von Prozessen der Computer Vision technisch umsetzbar.

Anhand dieser Annotationen wird es auch möglich, die Beantwortung der im Kapitel zu den filmanalytischen Grundlagen erarbeiteten Fragestellungen anzugehen. So kann auf explorative Art und Weise nach Mustern in den Einstellungslängen und in den Figurenkonstellationen in der Filmen Konrad Wolfs gesucht werden.

Im vorigen Kapitel wurden die Jupyter Notebooks mit Python Skripten zur Einstellungserkennung und zur Figurenerkennung vorgestellt. Mit diesen Notebooks werden entsprechende Annotationen zu Videodateien erstellt und in verschiedenen Dateiformaten zur Weiterverarbeitung ausgegeben. Annotiert wurden in diesen Notebooks Videodateien mit Trailern zu Filmen Konrad Wolfs, v.a. zu Der geteilte Himmel. Die Verwendung von Trailern als Beispiele hat zum einen rechtliche Gründe. Wir wollten die Videodateien für Übungszwecke zum Download zur Verfügung stellen, was mit kompletten Filmen leider nicht möglich ist. Mit freundlicher Genehmigung der DEFA-Stiftung können wir hierfür aber mit den Trailern arbeiten. Zum anderen gewährleisten die in ihrer Laufzeit kurzen Trailer dass die Zeit, die für die automatisierte Annotation benötigt wird, in einem überschaubaren Rahmen bleibt. Diese schnellere Verarbeitung und Ausgabe von Annotationsergebnissen ist für Lernzwecke sehr hilfreich. Wir haben an mehreren Stellen der OER bereits darauf hingewiesen, das die automatisierte Annotation möglicherweise eine große Rechenleistung und längere Zeit in Anspruch nehmen kann.

Für die nun folgende Auswertung von Annotationsergebnissen haben wir jedoch mit den für die OER entwickelten Notebooks nicht nur die Trailer, sondern komplette Filme Konrad Wolfs annotieren lassen. Diese liegen digital als DVDs vor, entsprechende Videodateien können also mit den Notebooks verarbeitet und annotiert werden. Die Annotationsergebnisse stehen als .csv-Dateien zum Download [hier ggf. Link einfügen] zur Verfügung.

Für die Einstellungserkennung haben wir alle Filme Konrad Wolfs ausgewertet. Für die einzelnen Filme haben wir mit den Annotationsergebnissen verschiedene Berechnungen angestellt, die für die statistische Stilanalyse wichtig sind, wie etwa die Average Shot Length (ASL) oder Median Shot Lenght (MSL).

Bei der Figurenerkennung haben wir uns auf drei Filme Konrad Wolfs beschränkt, da sowohl die Vorbereitungen für die Annotation mit der Erstellung von Referenzabbildungen von zu annotierenden Figuren als auch die Durchführung der automatisierten Annotation deutlich aufwändiger sind als bei der Einstellungserkennung. Eine Annotation aller Filme Konrad Wolfs hätte im Rahmen der Fallstudie zu weit geführt. Wir haben uns daher für folgende Filme und Figuren entschieden:

Film

Figuren

Sonnensucher (1958)

Beier, Emmi, Fedossjew, Günter, Jupp, Lutz, Sergej, Weirauch, Wera

Der geteilte Himmel (1964)

Ermisch, Frau Herfurth, Herr Herfurth, Kuhl, Manfred, Martin, Meternagel, Rita, Schwarzenbach, Wendland

Solo Sunny (1980)

Figuren Benno, Bernd, Christine, Harry, Hubert, Norbert, Ralph, Sunny

Wir haben diese Filme ausgewählt, da wir aufgrund der Sichtung der Filme angenommen haben, dass in ihnen ganz unterschiedlich mit Figuren und deren Muster des Auftretens umgegangen wird: Bei Sonnensucher scheinen mehrere Figuren im Zentrum zu stehen, Der geteilte Himmel fokussiert wohl eher auf Rita und Manfred und Solo Sunny scheint stark auf Sunny zentriert zu sein. Diese Annahmen sollen in der Auswertung näher betrachtet werden. Auch die zu annotierenden Figuren wurden anhand der Sichtung der Filme ausgewählt. Neben den Protagonist:innen sind jeweils auch einige Nebenfiguren vertreten.

Zu Beginn der Datenauswertung stehen verschiedene Visualisierungen der Ergebnisse der automatisiert erstellten Film-Annotationen. Ein Kapitel zur Datenvisualisierung findet sich in der Fallstudie zu Studentischen Filmen zur Wendezeit. Die Visualisierung dienen als Grundlage der explorativen Auswertung der Annotationsergebnisse. Hierbei steht die Frage im Zentrum, welche Strukturen und wiederkehrende Muster erkennbar sind. Welche Erkenntnisse können sich aus den erhaltenen Annotationsdaten ergeben?

Im Rahmen der Fallstudie muss eine Auswertung der Annotationsergebnisse eher oberflächlich bleiben. Nicht allen angedachten Fragestellungen kann nachgegangen werden. Dennoch sollten einige mögliche Auswertungsergebnisse deutlich werden.

Bevor eine Visualisierung und Auswertung der automatisiert erstellten Annotation erfolgen kann, muss zunächst genauer dargelegt werden, welche Struktur die erhaltenen Annotationsdaten aufweisen. Für die Auswertung ist es wichtig zu wissen, welche Informationen überhaupt in die Ausgabe der Annotationsdaten einbezogen wurden. Dabei handelt es sich um Setzungen und Entscheidungen, die vorab getroffen wurden, die aber die Möglichkeiten wie die Daten ausgewertet werden können beeinflussen. Diese Beschreibung der Struktur der Annotationsdaten erfolgt im folgenden Kapitel.