2.3. Forschungsdaten#
Fig. 2.7 Visualiserung von Forschungsdaten, © forschungsdaten.info CC0#
Was sind Forschungsdaten? Eine einheitliche Definition des Begriffes gibt es bisher nicht, denn von Fachdisziplin zu Fachdisziplin kann sich die Kategorisierung unterscheiden. Grundsätzlich können jedoch Artefakte und Objekte als Forschungsdaten bezeichnet werden, die 1) Gegenstand eines Forschungsprozesses sind, 2) während eines Forschungsprozesses entstehen oder 3) sein Ergebnis sind (Einwächter, 2019).
Darunter zählen beispielsweise:
| Kategorie | Beispiele |
|---|---|
| 1. Messdaten und quantitative Daten |
|
| 2. Befragungs- und Beobachtungsdaten |
|
| 3. Bild-, Audio- und Videodateien |
|
| 4. Dokumentarische oder textbasierte Dateien |
|
| 5. Computergenerierte Daten / digitale Objekte |
|
Diese Daten können bereits von Grund auf, also in ihrem Ursprung, digital sein. Jedoch werden auch jene Materialien als Forschungsdaten betrachtet, die analog vorliegen und in späteren Stufen digital gespeichert und verarbeitet werden, wie beispielsweise handschriftliche Notizen oder Filmrollen. Die digitale “Re-mediatisierung” analogen Forschungsmaterials beschreibt Johanna Drucker als “practice of datafication”, also als computergestützte Prozessierung von analogem Material. Objekte und Artefakte, die bereits digital entstanden sind, bezeichnet sie als “born digital materials” (Drucker, 2021). Diese Unterscheidung spielt hinsichtlich Verarbeitung und Kontextualisierung der Daten eine wichtige Rolle.
Primär- und Sekundärdaten#
Neben der Unterscheidung verschiedener Datentypen werden Forschungsdaten in Primär- oder Sekundärdaten unterteilt. Hier kann allgemein festgehalten werden:
Primärdaten sind “Rohdaten oder Urdaten”, die in direktem Bezug zum Untersuchungsgegenstand erhoben werden und unverarbeitet vorliegen, d. h. noch unprozessiert sind. Beispiele wären Messwerte oder Fotografien aus eigenen Erhebungen.
Sekundärdaten gehen durch Verarbeitungsschritte aus Primärdaten hervor, etwa durch Auswertung, Aggregation oder Anonymisierung. Dazu können beispielsweise Transkriptionen oder Annotationen von Audio- und Videomaterial gehören (Redaktion von forschungsdaten.info, 2026).
Doch wie sieht es mit dieser Unterscheidung in der Film- und Medienwissenschaft aus? Welche fachspezifischen Datentypen und Kategorisierungen können hier ausgemacht werden?
Forschungsdaten in der Film- und Medienwissenschaft#
Unter film- und medienwissenschaftliche Forschungsdaten fallen diverse textuelle, visuelle, auditive und audiovisuelle Datentypen, die entweder primär selbst Untersuchungsgegenstand sind (z. B. ein Film) oder zu denen in sekundären Arbeitsschritten Dokumentationen und Dateien entstehen (z. B. Annotationen) (Matuszkiewicz, 2022).
Wie Sarah-Mai Dang herausstellt, gewinnen Forschungsdaten in der Film- und Medienwissenschaft zunehmend an Bedeutung. Diese Entwicklung sei auf mehrere Ursachen zurückzuführen: zum einen den wachsenden Diskurs um digitale Methoden und Werkzeuge in der Forschung, zum anderen den Ausbau der Digital Humanities und entsprechender Infrastrukturprojekte wie beispielsweise DARIAH-DE – der deutschen Initiative für digitale Infrastrukturen in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, sowohl den Begriff der Forschungsdaten als auch die konzeptionelle Seite des Forschungsdatenmanagements aus der Perspektive unserer Fachdisziplin zu definieren und an die fachspezifischen Anforderungen anzupassen. Besonders relevant ist dabei die Heterogenität der Daten und Datenquellen, die aus dem Medium Bewegtbild selbst hervorgehen. Hinzu kommt die Frage des Urheberrechts für Film- und Videoquellen – eine Herausforderung, mit der die Film- und Medienwissenschaft nach wie vor konfrontiert ist (Dang, 2020). Durch das “äußerst heterogene Material” (Dang, 2020) sowie die typische Vermischung und Zusammensetzung verschiedener Datentypen, wie z. B. Audio- und Videoaufnahmen, ist es nicht immer möglich, genaue Kategorisierungen vorzunehmen. Sind Screenshots oder extrahierte Szenen aus einem Film bereits Sekundärdaten, da sie eine zeitlich selektive und repräsentative Auswahl des Originalmaterials darstellen oder immer noch im Ursprung Teil der Primärquelle? Gleiches gilt für digitale Kopien oder restaurierte Fassungen eines Films, die das Originalmaterial zwar bewahren, zugleich aber durch den Prozess der Digitalisierung oder Restaurierung neue mediale, technische und ästhetische Eigenschaften erzeugen.
Auch wenn sich nicht alle Forschungsdaten eindeutig zuordnen lassen, ist es für eine gute Dokumentation und Organisation im Forschungsalltag notwendig, sowohl nachgenutzte als auch neu erhobene Daten kategorial zu definieren.
Rechtliche Vorgaben
Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund unterschiedlicher rechtlicher Vorgaben relevant. Die Verbreitung oder Vervielfältigung von Bild- und Filmmaterial unterliegt oftmals dem Urhebergesetz und muss sorgfältig geprüft werden. Gleiches gilt für personenbezogene Angaben. Weitere Informationen zu rechtlichen Vorgaben finden sich in unserer QUADRIGA Fallstudie: “Studentische Filme an der Filmuniversität Babelsberg zur Wendezeit (1985-1999)”
Die folgende Übersicht bietet eine grundlegende Einordnung filmwissenschaftlicher Forschungsdaten in Primär- und Sekundärdaten:
Fig. 2.8 Von Primärdaten zu Sekundärdaten#
Filme und Filmausschnitte – analoge oder digitale Originalwerke
Videos – Rohmaterial, Screen Recordings, Aufzeichnungen
Bilder, Fotografien, Abbildungen – visuelle Primärquellen
Audiomaterial – Soundtracks, Interviews, Originaltonspuren
Apps, Websites, Games – Interface-Analysen
Empirische Statistiken – Box Office, Streamingdaten
Digitalisierte Archivalien – Drehbücher, Produktionsdokumente
Social-Media-Content – Clips, Memes, Thumbnails, Kommentare
Filmplakate, Pressematerialien
Sequenzprotokolle
Schnittfrequenzprotokolle – Shot-Length-Daten
Annotationen – ELAN, VIAN, Advene uvm.
Analysedaten – Farb-, Bewegungs-, Ton-, Sentimentanalysen
Transkripte – Audio- oder Videotranskripte
Visualisierungen – Zeitachsen, Netzwerke, Diagramme
Annotierte Screenshots/Stills
Exzerpte und Notizen
Metadaten – technisch, semantisch, beschreibend
Schlagwortklassifikationen – Taxonomien, Thesauri
Bibliografische Angaben – Filmographien
Tabellen und Datensätze
Datenbanken/Korpora – FilmColors, BFI National Archive uvm.
Zitations-/Referenzdatenbanken – Zotero, EndNote
APIs und Linked Data – Wikidata-Abfragen
Softwaregenerierte Auswertungen – KI-gestützte Objekterkennung
Textuelle/visuelle Codierungen – Inhaltsanalysen
Die Auseinandersetzung um die Beschaffenheit und Nutzung von Forschungsdaten ist insbesondere dann relevant, wenn die Prozesshaftigkeit der Wissensproduktion mitgedacht wird: woher kommen die Daten? Wie werden sie erhoben und aufbereitet? Wie werden sie kuratiert und verfügbar gemacht? Ferner sollte es auch immer eine kritische Auseinandersetzung über die Entstehung von Forschungsdaten und -ergebnissen geben. Denn Daten können, je nach Kontext, Biases unterliegen. Ein Anspruch auf Objektivität ist daher nicht einlösbar (Dang, 2020). Ein repräsentatives Beispiel ist die weltweit größte Filmdatenbank IMDb, deren Inhalte kommerziell von Amazon betrieben und gepflegt werden. Die Datenanforderungen sowie die Auswahl und Gewichtung der Inhalte sind dabei von geschlechtsspezifischen und diskriminierenden Inklusions- und Exklusionsmechanismen geprägt. Welche Filme dabei als “gut” oder “schlecht” gerankt werden, hängt von diversen soziopolitischen, ökonomischen aber auch algorithmischen Variablen ab (Dang, 2020, Drucker, 2021). Ebenso beeinflussen etwa Kritiken, Nutzer:innenbewertungen und Kommentare die Sichtbarkeit bestimmter Filme oder Personengruppen – während andere Perspektiven systematisch marginalisiert werden (vgl. hierzu auch Doughman and Khreich, 2025).[1]
Daten, die aus solchen öffentlichen oder kommerziellen Quellen genutzt (bzw. nachgenutzt) werden, sollten daher immer kritisch geprüft und kontextualisiert werden. Sowohl mit Blick auf ihre Herkunft als auch auf die expliziten oder impliziten Wertungslogiken, denen sie unterliegen.
Literatur#
Dang, S.-M. (2020). Forschungsdatenmanagement in der Filmwissenschaft: Daten, Praktiken und Erkenntnisprozesse. montage AV, 29(1), 119–140. doi:10.25969/mediarep/21687 (1,2,3,4)
Doughman, J., & Khreich, W. (2025). Beyond the Spotlight: Unveiling the Gender Bias Curtain in Movie Reviews. PLOS ONE, 20(1). doi:10.1371/journal.pone.0316093
Drucker, J. (2021). Digital Humanities Overview. The Digital Humanities Coursebook: An Introduction to Digital Methods for Research and Scholarship, 1–18. Routledge. doi:10.4324/9781003106531-1 (1,2)
Einwächter, S. G. (2019). Forschungsdaten (in) der Film- und Medienwissenschaft: Über vorurteilsbehaftete Begrifflichkeiten und fruchtbare Momente in der Lehre. Open-Media-Studies-Blog der Zeitschrift für Medienwissenschaft. doi:10.58079/rbs5
Matuszkiewicz, K. (2022). Forschungsdatenmanagement in der Medienwissenschaft: Eine Auswertung von qualitativen Interviews zur Bedarfsermittlung für die Gestaltung eines medienwissenschaftlichen Forschungsdatenrepositoriums. Bausteine Forschungsdatenmanagement, 5(2), 1–14. doi:10.17192/bfdm.2022.2.8433
Redaktion von forschungsdaten.info (2026 , 7). Glossar. forschungsdaten.info. [Abgerufen: 2026-08-17]. URL: https://forschungsdaten.info/praxis-kompakt/glossar