7. Reflexion und Resümee#

Diese Fallstudie und zugleich Open Educational Resource zeigt den Weg von der ersten Einordnung filmwissenschaftlicher Forschungsdaten bis zu ihrer strukturierten Publikation auf Repositorien. Dabei steht nicht allein die technische Frage im Vordergrund, wie Daten veröffentlicht werden können, sondern ebenso die methodische, diskriminierungskritische, rechtliche und zuletzt auch epistemische Frage, unter welchen Bedingungen Forschungsdaten so aufbereitet und publiziert werden können, dass sie offen, nachvollziehbar, gut dokumentiert und letztlich nachnutzbar sind.

Datenpublikation verstehen wir dabei nicht als als einen einzelnen Arbeitsschritt am Ende eines Projektes. Vielmehr begreifen wir sie als den Outcome oder das Ergebnis verschiedener Arbeitsprozesse, Entscheidungen, methodischen Überlegungen und Strategien, wobei “Ergebnis” hier keine abgeschlossene Aktivität meint. Gerade in der Filmwissenschaft greifen Themen wie Ausgangsmaterial, Urheberrecht, Aufbereitung und Nachnutzung ineinander und wirken auf den gesamten Forschungsprozess zurück.

Für den konkreten Workflow bedeutet die Publikation, dass Forschungsdaten zunächst als solche erkannt und eingeordnet, anschließend beschrieben, strukturiert, dokumentiert, bereinigt, versioniert, lizenziert und abschließend in geeigneten Infrastrkturen veröffentlich werden. Deutlich wird, dass in der Film- und Medienwissenschaft die Publikation von Forschungsdaten häufig nicht in der Veröffentlichung der Untersuchungsgegenstände, also dem primären Film,- Bild -und Videomaterial, selbst besteht, sondern in der kuratierten Bereitstellung von Sekundärdaten, Metadaten, Annotationen, Visualisierungen und Dokumentationen.

7.1. Vom Forschungsprozess zur Datenpublikation: Ein exemplarischer Workflow#

Die nachfolgende Übersicht visualisiert die in dieser OER behandelten Lernmodule als aufeinanderbauende Schritte zur Publikation von Forschungsdaten:

7.2. Zentrale Ergebnisse der Fallstudie#

Zusammenfassend lassen sich aus den vorangegangenen Inhalten folgende Kernpunkte festhalten:

Film- und medienwissenschaftliche Forschungsdaten

  • Film- und medienwissenschaftliche Forschungsdaten sind heterogen und liegen in unterschiedlichen Formen vor.

  • Neben Primärdaten (z. B. Film- und Videomaterial) spielen vor allem Sekundärdaten wie Metadaten, Annotationen oder Visualisierungen eine wichtige Rolle.

  • Eine offene Publikation ist aufgrund des Urheberrechts meist nur für den Bereich der Sekundärdaten möglich.

  • Ein solides Forschungsdatenmanagment unter Einhaltung der FAIR-Prinzipien ist die Grundlage einer offenen Datenpublikation.

Metadaten

  • Metadaten sind ein zentraler Bestandteil der Arbeit mit Forschungsdaten.

  • Sie strukturieren, identifizieren und kontextualisieren Daten, Ressourcen und Objekte.

  • In der Film- und Medienwissenschaft gibt es etablierte Standards, wie beispielweise den EN15744, die bei der Kategorisierung von Metadaten stets herangezogen werden sollten.

  • Beschreibungsmodelle sind dabei nie wertneutral, daher ist die Berücksichtigung diskriminierungssensibler Praktiken notwendig.

Publikationswege

  • Publikationsorte, wie z. B. Repositorien, Data Paper oder APIs, sollten nach Datentyp, Zielgruppe und geplantes Nachnutzungsszenario gewählt werden.

  • Es stehen generische (z. B. Zenodo, GitHub) sowie fachspezifische (z. B. FID Media, NECSUS) Infrastrukturen zur Verfügung, die je nach Zweck unterschiedliche Vorteile bieten.

  • In der Film- und Medienwissenschaft müssen bei der Wahl des Publikationsweges die Besonderheiten des audiovisuellen Primärmaterials und die rechtlichen Rahmenbedingungen stet mitberücksichtigt werden.

  • Geeignete Infrastrukturen sollten Sichtbarkeit, Auffindbarkeit, Zitierfähigkeit, Versionierung sowie Langzeitverfügbarkeit unterstützen.

Aufbereitung und Anreicherung

  • Vor der Publikation müssen Forschungsdaten häufig aufbereitet, bereinigt und gut dokumentiert werden.

  • Offene und interoperable Dateiformate (z. B. csv oder json) erleichtern hierbei die langfristige Zugänglichkeit und Nachnutzung von Daten.

  • In der Film- und Medienwissenschaft können audiovisuelle Daten zusätzlich durch Annotationen, Metadaten, Visualisierungen oder Moviebarcodes angereichert werden.

  • Die systematische Aufbereitung der Forschungsdaten schafft die Grundlage dafür, dass Forschungsdaten verständlich, überprüfbar und anschlussfähig sind.

Kuratierung und Organisation

  • Eine nachvollziehbare Organisation erleichtert die Projektarbeit und die spätere Nachnutzung.

  • Klare Ordnerstrukturen und konsistente Dateibenennungen helfen dabei, Daten plausibel zu strukturieren.

  • Gerade bei heterogenem Datenmaterial (z. B. Filmannotationen, Moviebarcodes, Metadaten) müssen unterschiedliche Datentypen sinnvoll aufeinander bezogen werden können.

  • Das Kuratieren und Organisieren der Forschungsdaten ist eine prozessbegleitende Aktivität.

Versionierung, Lizenzierung und Zitierfähigkeit

  • Versionierung macht unterschiedliche Bearbeitungs- und Veröffentlichungsstände eines Datensatzes nachvollziehbar referenzierbar. Ein etabliertes System zur Versionierung ist SemVer.

  • Lizenzen legen fest, unter welchen Bedingungen Forschungsdaten genutzt, geändert und weitergegeben werden dürfen.

  • In der Film- und Medienwissenschaft ist besonders zwischen meist urheberrechtlich geschützten Primärmaterial sowie begleitendes Sekundärmaterial (Annotationen, Metadaten, Visualisierungen usw.) zu unterscheiden.

  • Persistente Identifikatoren (z. B. DOIs) und standardisierte Zitationsformate (z. B. CITATION.cff) tragen zur Auffindbarkeit und Ziterfähigkeit der Forschungsdaten bei.

Dateninfrastrukturen und Repositorien

  • Repositorien und Dateninfrastrukturen dienen nicht nur der Speicherung, sondern auch der Publikation, Sichtbarkeit und Nachnutzung von Forschungsdaten.

  • Unterschiedliche Infrastrukturen können für Versionierung, DOI-Vergabe, Langzeitarchivierung oder fachspezifische Sichtbarkeit miteinander kombiniert werden.

  • Für film- und medienwissenschaftliche Forschungsdaten kann die Kombination aus generischen, institutionellen und fachspezifischen Repositorien besonders sinnvoll sein.

7.3. Nachnutzungsperspektiven#

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Fig. 7.1 Perspektiven der Nachnutzung publizierter Forschungsdaten#

Die Publikation von Forschungsdaten steht im Forschungsprozess häufig am Ende, sie ist jedoch nicht als abgeschlossner Schritt zu verstehen. Im Sinne guter wissenschaftlicher Praxis und unter Einhaltung der FAIR-Prinzipien sollen Forschungsdaten so publiziert werden, dass sie nachhaltig und für Dritte weiternutzbar sind. Wie bereits erwähnt zählen zu einer nachhaltigen Bereitstellung, neben den eigentlichen Forschungsdaten, auch Dokumentationen, Metadaten, Schemata, Methoden, Nutzungsbeispiele und weitere Materialien.

Am Beispiel des Repositorys Intervening World Projections: Audiovisuality of Climate Change wollen wir nachfolgend einige Nachnutzungsperspektiven skizzieren.

1. Nachnutzung als Forschungsdatensatz#

Ein erstes Szenario besteht in der direkten wissenschaftlichen Nutzung der bereitgestellten Daten. Forschende können Metadaten verwendem, um das Korpus nach eigenen Fragestellungen zu untersuchen, etwa im Hinblick auf Produktionsländer, Zeiträume, Werktypen oder Kategorien der Analyse. Ebenso können die Annotationsdaten genutzt werden, um methodische Entscheidungen nachzuvollziehen, bestehende Entscheidungen zu überprüfen oder eigene qualitative und quantitative Anschlussanalysen durchzuführen. Moviebarcodes wiederum eröffnen Möglichkeiten für vergleichende visuelle Analysen auf einem abstrahierten Niveau.

2. Nachnutzung als methodisches Beispiel und als Template#

Das Datenset ist nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch bzw. strukturell nutzbar. Das Repository zeigt, wie verschiedene Datentypen (Filme als Referenzobjekte, Annotationsdaten, Metadaten, Moviebarcodes) in Beziehung zueinander gesetzt werden können. Für Forschende, die selbst mit heterogenen, audiovisuellen Korpora arbeiten, kann es als Orientierung dienen.

Besonders relevant ist, dass das Repository explizit als Template genutzt werden soll (public template). Es stellt eine strukturierte Ordnerlogik sowie zentrale Dokumentationsdateien bereit und kann dadurch als Vorlage für neue Datenpublikationen übernommen werden. Hierfür müssen die übergreifenden Dateien wie README.md, CITATION.cff, LICENSE.md selbstverständlich angepasst werden sowie die jeweiligen Ordner (wie z. B. data/ und documentation/) mit den eigenen Daten befüllt werden. Das Template zeigt, inwiefern ein Repository nicht nur als Publikation, sondern als Beispiel guter Praxis der Datenkuratierung erschlossen werden kann.

3. Nachnutzung in der Lehre#

Ein weiteres Szenario ist die Nachnutzung in der Hochschullehre. Gerade weil das Datenset unterschiedliche Datentypen, Dokumentationsformen, Lizenzbedingungen und Publikationsschritte zusammenführt, eignet es sich für forschungsnahe Lehrsettings in den Digital Humanities, der Filmwissenschaft und angrenzenden Fächern. Forschende etwa lernen,

  • wie Metadaten strukturiert werden,

  • wie Annotationen als Forschungsdaten dokumentiert werden,

  • wie offene Formate und Schemata eingesetzt werden,

  • wie Sekundärdaten aus urheberrechtlich geschütztem Primärmaterial hervorgehen,

  • und wie Datenrepositorien zur wissenschaftlichen Sichtbarkeit beitragen.

4. Vergleichende und weiterführende Forschung#

Schließlich eröffnet das Datenset Perspektiven für weiterführende Forschung. So können die Daten beispielsweise mit anderen Korpora in Beziehung gesetzt oder um weitere Daten ergänzt bzw. ausgeweitet werden. Ebenso bietet es sich an, kontrastive Studien durchzuführen: zu anderen Themenfeldern, anderen Perioden, anderen medialen Formaten oder anderen methodischen Zugängen.

7.4. Schlusswort#

Diese Fallstudie soll einen Beitrag dazu leisten, die Publikation film- und medienwissenschaftlicher Forschungsdaten als integralen Bestandteil des Forschungsprozesses zu betrachten. Wir plädieren dafür, dass Daten nicht nur als “Zwischenergebnisse” abgehandelt, sondern als zentrale Aspekte der Forschung angesehen werden. Daher ist die Datenpublikation in der Filmwissenschaft, trotz all ihren Besonderheiten und Herausforderungen, die das Fach im Speziellen mit sich bringt, ein wichtiger Teil des Diskurses. Insbesondere vor dem Hintergrund Künstlicher Intelligenz und voranschreitender technologischer Entwicklungen braucht es nachhaltige Perspektiven der Datennutzung und eine stärkere Sichtbarkeit entsprechender Forschungspraktiken.