5.5. Diskriminierungssensible Überprüfung#

Hinweis: Vorwissen und Kontext

Die Inhalte dieses Kapitels bauen auf dem Abschnitt Diskriminierungssensible Metadaten des dritten Lernmoduls auf. Dort finden sich die theoretischen Grundlagen, Fallbeispiele und Methoden einer diskriminierungssensiblen Metadatenpraxis.

Die folgenden Überprüfungen wurden exemplarisch anhand ausgewählter Leitfragen aus dem im Kapitel Diskriminierungssensible Metadaten vorgestellten Fragenkatalog durchgeführt. Sie erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern dokumentieren mögliche Ansätze, um kritische Perspektiven in die eigene Datenpraxis zu integrieren.

Vorbereitungen: Datenbereinigung#

Da die Produktionen unabhängig von ihrem Umfang ausgewertet wurden, wurden Serien zunächst auf eine Episode pro Serie reduziert. Diese Entscheidung sollte je nach Kontext getroffen werden. Bei Serien, deren Produktionsteam und -land episodisch wechselt, kann ein anderer Umgang sinnvoll sein. Nach der Bereinigung umfasst die Grundlage der Auswertung 87 Produktionen.

Geografische Situiertheit: Auswertung nach Produktionsländern#

Der Korpus enthält Produktionen aus 29 unterschiedlichen Ländern. Bei der Auswertung fällt ein deutliches Übergewicht nordamerikanischer sowie mittel- und westeuropäischer Produktionen auf: 49 Produktionen sind US-amerikanisch (56,32 %), 26 britisch (29,89 %) und 17 deutsch (19,54 %). Osteuropäische Produktionen sind mit insgesamt 4 (4,6 %) vertreten (2 aus Griechenland, je eine aus Litauen und der Ukraine). Die am stärksten repräsentierten nicht-europäischen und nicht-nordamerikanischen Länder sind Australien, Japan und China mit je 4 Produktionen (4,6 %). Dies entspricht zwei Drittel aller nicht-europäischen und nicht-nordamerikanischen Produktionen. Aus Afrika stammen lediglich 2 Produktionen (Nigeria und Südafrika; 2,3 %). Produktionen aus Mittel- und Südamerika sowie Südostasien sind im Korpus nicht vorhanden. Der Gesamtanteil nicht-europäischer und nicht-nordamerikanischer Produktionen beträgt 18 (20,69 %).

Bei diesen Daten wurden die einzelnen Episoden der gleichen Serie oder Reihe als ein Element zusammengefasst. Unbereinigt zeigt sich diese Tendenz noch deutlicher, so stammen 142 von 226 Elemente aus Großbritannien (62,83 %), 131 aus den USA (57,96 %) und 56 aus Deutschland (24,78 %).

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Fig. 5.14 Korpusdaten nach Ländern (absolut), Landeskürzel nach ISO 3166#

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Fig. 5.15 Korpusdaten nach Ländern (anteilig, Treemap-Darstellung)#

Berechnung der Länderauswertung#

Die Spalte country der Korpusmetadaten wurde in ein Textprogramm kopiert. Mithilfe von Strg + F (Mac: Command + F) lässt sich nach dem jeweiligen Landeskürzel suchen, um die Trefferzahl im Datensatz zu ermitteln (z. B. ergibt DE 17 Treffer). Nach der Erfassung eines Länderkürzels können die gefundenen Treffer durch ein Leerzeichen ersetzt werden.Dadurch wird die Übersicht verbessert und bereits ausgewertete Kürzel werden bei der weiteren manuellen Auswertung nicht erneut berücksichtigt.

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Fig. 5.16 Suche nach Länderkürzel im Textprogramm (Beispiel: DE, 17 Treffer)#

Der prozentuale Anteil ergibt sich aus: absolutes Vorkommen ÷ Gesamtzahl der Produktionen.

Beispielberechnung:

\(\frac{17}{87}=0{,}1954=19{,}54\,\%\)

Zur besseren Übersicht empfiehlt es sich, die Ergebnisse in einer Tabelle zu erfassen und auf- oder absteigend zu sortieren. Bei größeren Korpora können zusätzliche Spalten sinnvoll sein, um Länder nach geografischer Lage zu gruppieren. Im vorliegenden Fall war der Korpus klein genug für eine manuelle Organisation.

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Fig. 5.17 Ergebnistabelle: Länder und absolute Vorkommen im Korpus#

Keypoint: Methodische Einordnung und Schwerpunktsetzung

Diese geographische Schwerpunktsetzung ist keine zufällige, sondern eine forschungsstrategische Entscheidung. Denn das Teilprojekt untersucht spezifische Logismen und Traditionen des Anthropozentrismus in westlichen filmischen Auseinandersetzungen zum Klimawandel. Eurozentristische Perspektiven und die strukturelle Dominanz westlicher Klimanarrative und ihrer ästhetischen Strategien sind dabei selbst Gegenstand der Analyse und stellen somit nicht einfach blinde Flecken der Korpuszusammenstellung dar. Die Frage, wie marginalisierte Perspektiven (jenseits westlicher Blickregime) filmisch zum Ausdruck kommen und ob bzw. inwiefern sich die Imaginationen des menschlichen Zur-Welt-Seins in der Klimakrise hinsichtlich affektiver sowie formal-ästhetischer Gestaltungsformen in der Zirkulation medialer Bewegtbilder unterscheidet, kann und sollte Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen sein (z. B. mit Schwerpunkt auf indigene Formen der Wissens- und Bildproduktion).

Auswertung nach Geschlecht (Regie)#

Von 89 regieführenden Personen können 74 als männlich gelesen (83,15 %) und 15 als weiblich gelesen werden (16,85 %). Offene Transpersonen oder nicht-binäre Regisseur:innen bildet der Korpus nicht ab. Aus einer intersektionalen Perspektive ist zudem anzumerken, dass keine der regieführenden Frauen an einer nicht-westlichen Produktion beteiligt war.

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Fig. 5.18 Anteile am Korpus nach Geschlecht (Regie), prozentual#

Berechnung der Geschlecht-Auswertung#

Zur Auswertung wurde die Metadatentabelle um eine Spalte Geschlecht ergänzt, in der das Geschlecht der regieführenden Personen mit einem Kürzel (m/w) vermerkt wurde. Bei einem weniger binärgeschlechtlichen Korpus sollte die Art der Notation vorab überlegt werden: Werden nicht-binäre Geschlechter kollektiv als “nicht-binär” gelistet? Werden Transpersonen zusätzlich als weiblich/männlich geführt?[1]

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Fig. 5.19 Metadatentabelle mit ergänzter Spalte “Geschlecht”#

Anders als bei den Ländern wurde der Anteil auf die Gesamtzahl der regieführenden Personen (89) bezogen, nicht auf die Produktionen, da einzelne Produktionen mehrere Regisseur:innen haben und manche Personen mehrfach im Korpus vertreten sind.

Beispielberechnung:

\(\frac{74}{89}=0{,}8315=83{,}15\,\%\)

Hinweis: Queerness in Metadaten

Offene Transpersonen, nicht-binäre und queere Personen durch Metadatenangaben zu erkennen, erfordert eine gewisse Vertrautheit mit den Primärdaten, was bei großen Korpora nicht immer gegeben ist. Hilfreiche Ressourcen sind queere Filmdatenbanken, etwa:

Da alle Datenbanken einen spezifischen Fokus setzen, sollten sie je nach Korpus ausgewählt oder ergänzend genutzt werden. Im vorliegenden Korpus findet sich keine der regieführenden Personen in einer dieser Datenbanken wieder.

Die Zahlen werfen eine weiterführende Frage auf, die die punktuelle Auswertung der Korpusmetaten übersteigt: Inwieweit bringt die Überrepräsentation männlich gelesener Regie nicht nur eine Eigenheit dieser Zusammenstellung zum Ausdruck, sondern eine strukturelle Tendenz in der filmischen Auseinandersetzung mit dem Klimawandel insgesamt? Und welche Konsequenzen hätte das für die Konstitution der Klimakrise als ästhetische Erfahrung – also ihrer Bildsprache, Narration und affektiven Adressierung – wenn diese überwiegend durch männlich kodierte Blickregime und Erzählpositionen geprägt wäre?

Diese Fragen lassen sich auf Grundlage der vorliegenden Metadaten zwar nicht abschließend beantworten, sind aber als Impulse für weitere kritische Überlegungen und qualitative Analysen festzuhalten.

Zeitliche Situiertheit#

Der Korpus hat einen Fokus auf gegenwärtige bzw. zeitgenössische Produktionen: Nur 4 der 87 Produktionen stammen aus dem 20. Jahrhundert, die älteste aus dem Jahr 1979. Die aktuellsten Produktionen sind auf 2023 datiert (3 Produktionen). 61 der 87 Produktionen (70,11 %) sind nach 2010 erschienen. Diese zeitliche Ausrichtung lässt sich der Aktualität und zunehmenden medialen Relevanz des Themas rund um die Klimakrise zuschreiben. Zur Auswertung kann die Spalte year in den Korpusmetadaten auf- oder absteigend sortiert werden; wie präzise die Zeiträume gruppiert werden, sollte von der Zeitspanne des Korpus abhängig gemacht werden.

Visualisierung#

Nach der Auswertung können die Daten in Grafiken oder Diagrammen aufbereitet werden. Dazu eignen sich Excel (PivotCharts oder Diagramme) sowie andere Programme wie Canva. Für die vorliegenden Darstellungen wurde Canva (kostenlose Version) benutzt.

In beiden Programmen wird zunächst eine einfache Tabelle mit zwei Spalten angelegt: eine Spalte für die Kategorien (z. B. Länderkürzel nach ISO 3166) und eine für die zugehörigen Werte (absolute Vorkommen). Diese Tabelle bildet die Grundlage für das Diagramm.

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Fig. 5.20 Datentabelle in Canva: Spalten “Absolut” und “Land”#

Nach dem Markieren der gesamten Tabelle lässt sich über die Diagrammschaltfläche in der Toolbar eine Darstellungsform auswählen. In Canva heißt diese Funktion “Magic Charts”.

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Fig. 5.21 Auswahl der Diagrammform über “Magic Charts” in Canva#

Im vorliegenden Fall wurde ein Säulendiagramm gewählt. Titel, Achsenbeschriftungen und Zahlenwerte über den Säulen lassen sich über das Menü oder durch direktes Klicken in das Diagramm anpassen.

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Fig. 5.22 Fertiges Säulendiagramm “Korpusmetadaten nach Ländern” in Canva#

Wichtig: Aussagekraft quantitativer Auswertungen

Diagramme dieser Art geben eine relationale und quantitative Übersicht über Verhältnisse, sie sind jedoch kein Beleg und keine Erkenntnis in sich. Erst weiterführende Analysen und spezifische Untersuchungsmethoden können bei einer eingehenden Dateninterpretation helfen.

Metadaten und Begriffe#

  1. Diskriminierende Sprache

Bei der manuellen Überprüfung des Korpus auf rassifizierte und diskriminierende Begriffe konnten innerhalb der eigenen Metadaten keine diskriminierenden Formulierungen festgestellt werden.

  1. IMDb als Datenquelle

Der Korpus nutzt als externen Identifier die IMDb-ID. Zum Stand der Veröffentlichung dieser OER finden sich dort vereinzelt diskriminierende Begriffe. Diese wurden nicht in den Korpus übernommen. Es wurden ebenso keine Daten von Webseiten gescraped und keine Nutzer:innenkommentare oder Tags übernommen.

Die folgende Auflistung gibt Anhaltspunkte für die Überprüfung je nach Metadatenfeld. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

  • title: Gibt es explizit diskriminierende Begriffe?

  • Externe Datenbanken (z. B. IMDb): Gibt es diskriminierende Begriffe oder Narrative in Zusammenfassungen, Synopsen und Tags? Durch wen werden diese Daten erhoben? Wie werden die Datenbanken moderiert?

  • country: Welche politischen Umstände legitimieren oder delegitimieren ein Land? Können andere Kategorien präziser sein (z. B. indigene Ortsnamen, Palästina, Taiwan)?

  • Beteiligte Personen: Wurden Mitwirkende vertrauenswürdig notiert? Artikuliert sich eine produktionsästhetische Hierarchie durch die Metadaten? Reproduziert die Notation Formen sozialer Ungleichheit (z. B. Kollektive, Stellvertreter:innenschaft, nicht-regieführende Personen)?

  1. Normdaten und Vokabulare

Der Korpus verwendet ISO 3166-1 alpha-2 für die Angabe von Produktionsländern. Dieser Standard ist in der Lage, viele Länder abzubilden (darunter auch solche, die in anderen Thesauri marginalisiert werden, z. B. Taiwan, Palästina). Gleichzeitig hält der Korpus durch die Verwendung dieses ISO-Standards am Konzept von Nationalstaaten fest. Durch die Kombination mehrerer Länderkürzel für denselben Titel lassen sich jedoch internationale Produktionen zumindest im Kontext eines Nationalstaatengefüges relativ unhierarchisch aufzeichnen.

Die Verwendung der Kategorie director folgt einer westlich-tradierten, hierarchisch organisierten Produktionsästhetik und assoziiert kollektiv hervorgebrachte ästhetische Arbeit mit wenigen Personen oder Werksurheber:innen. Dies ist bezeichnend für die westliche Ausrichtung des Korpus und sollte bei der Interpretation der Daten berücksichtigt werden. Das Feld director enthält ausschließlich Namen; Geschlechtsangaben sind kein Bestandteil des Schemas und wurden für diese Auswertung gesondert erhoben.

  1. Historische Situiertheit

Es konnte kein direkter ideologischer Bezug zu diskriminierendem Vokabular aufgrund der historischen Situiertheit der Werke festgestellt werden.

Fazit#

Quantitative Auswertungen von Metadaten erlauben Aussagen über die Organisation oder Struktur eines Korpus, nicht jedoch über seine Diskursivität. Dass westliche Produktionen dominieren, sagt beispielsweise noch nichts darüber aus, wie diese Produktionen den Klimawandel filmisch verhandeln, welche Perspektiven und Machtgefälle sie reproduzieren oder unterlaufen oder welche narrativen und ästhetischen Strategien sie einsetzen. Die hier vorgestellten Auswertungen sind daher als methodisches Werkzeug einer diskriminierungssensiblen Überprüfung zu verstehen. Sie dienen dazu, strukturelle Tendenzen und mögliche Ungleichgewichte im Korpus (oder darüber hinaus) sichtbar und diskutierbar zu machen sowie Ansatzpunkte für weiterführende qualitative Analysen zu identifizieren. Aussagen über diskriminierende Darstellungsweisen hingegen erfordern weiterführende Untersuchungen der einzelnen Werke sowie ihrer konkreten ästhetischen, affektiven, narrativen sowie geschichtlichen Kontexte.