2.3. Filmgeschichtsschreibung#

Neben Repositorien stellen Datenbanken mit digitalisierten Materialien, wie Text- und Bildmaterial, zu Filmen und zur Filmgeschichte wichtige Quellen für die computergestützte filmwissenschaftliche Forschung dar. Solche Datenbanken sind über Web-Portale meist frei zugänglich und bieten verschiedene Recherchemöglichkeiten. Ein wichtiges Beispiel und Vorbild für Projekte ähnlicher Art ist die Media History Digital Library (MHDL), die mittlerweile fast drei Millionen gescannte Seiten umfasst. Die MHDL enthält dabei vor allem US-amerikanische Zeitschriften und Bücher, der Bestand reicht bis in die 1960er Jahre. Nach US-amerikanischem Recht sind viele Publikationen, die bis zu diesem Zeitraum erschienen sind, nicht mehr durch das Copyright geschützt und können öffentlich zugänglich gemacht werden (Hagener and Kammerer, 2020).

Darstellung eines Suchtreffers bei der Recherche in der MHDL mit Lantern.

Fig. 2.3 Screenshot Suche in der MHDL mit Lantern#

Die Weboberfläche Lantern ermöglicht die Volltextsuchen im Bestand der MHDL (vgl. Fig. 2.3). Entsprechende Treffer werden mit den Metadaten zur Publikation aufgeführt, das Digitalisat der Publikation - also der gescannte, mit Texterkennung bearbeitete Originaltext - und damit der Kontext des Such-Treffers kann direkt aufgerufen werden.

Ein weiteres Auswertungstool ist Arclight, das Visualisierungen zu Ergebnissen von Suchanfragen an die MHDL generiert (vgl. Fig. 2.4). In dem Sammelband The Arclight guidebook to media history and the digital humanities werden verschiedene medienhistorische Forschungsprojekte vorgestellt, die unter anderem mit der MHDL und Arclight realisiert wurden, aber auch weitere Tools und Methoden der Digital Humanities anwenden (Acland and Hoyt, 2016).

Darstellung der Visualisierung einer Suche mit Arclight.

Fig. 2.4 Screenshot Visualisierung mit Arclight#

2.3.1. Feministische Filmgeschichtsschreibung#

Auch für die feministische Filmgeschichtsschreibung gewinnen digitale Ansätze und Ressourcen zunehmend an Bedeutung. Sie eröffnen neue Zugänge und Perspektiven, insbesondere im Hinblick auf die Sichtbarmachung bisher marginalisierter Akteurinnen. So betont Sarah-Mai Dang, dass digitale Archive einen vergleichsweise niederschwelligen Zugang zu Materialien ermöglichen, wodurch individuelle Lebensgeschichten rekonstruierbar sind und das bislang vernachlässigte filmische Schaffen von Frauen besser dokumentiert werden kann (Dang, 2018).

Ein prominentes Beispiel ist das seit 2013 betriebene Webportal Women Film Pioneers Project (WFPP), das frei zugängliche Materialien zur Arbeit von Frauen in allen Bereichen der Filmproduktion während der Stummfilmzeit bereitstellt. Aufbauend auf dieser Ressource hat Dang im Rahmen eines Forschungsprojekts untersucht, wie digitale Datenvisualisierungen zur feministischen Filmgeschichtsschreibung beitragen können (Dang, 2024). Unter ihrer Leitung wurde der Women Film Pioneers Explorer entwickelt, der Informationen aus dem WFPP visuell aufbereitet und dadurch neue Einsichten ermöglicht (Dang, 2023).

Screenshot aus dem Women Film Pionieers Explorer - Dendrogram Professions

Fig. 2.5 Screenshot Visualisierung “Dendrogram” Women Film Pioneers Explorer (https://www.informatik.uni-marburg.de/women-film-pioneers-explorer/Dendrogram.html)#

Darüber hinaus verweist Dang auf digitale Plattformen wie die Media History Digital Library (MHDL) oder ECHO (Early Cinema History Online), die eine Fülle an digitalisierten Quellen zugänglich machen und gezielte Recherchen ermöglichen (Dang, 2018). Dies eröffnet nicht nur die Möglichkeit, neue Fragestellungen an die Filmgeschichte zu richten, sondern erlaubt es auch, bislang unbeachtete Kontexte zu identifizieren, bestehende Forschung zu überprüfen und zu differenzieren. Dang plädiert deshalb nachdrücklich dafür, das Erstellen von Datensätzen und Datenbanken als eigenständige wissenschaftliche Leistung anzuerkennen.

2.3.2. Weitere Entwicklungen in der digitalen Forschung zur Filmgeschichtsschreibung#

Digitale Ansätze sind für die Filmgeschichtsschreibung also durchaus gewinnbringend. Dies zeigt sich auch in aktuellen Publikationen zu diesem Themenfeld, wie das von Malte Hagener und Diana Roig-Sanz herausgegebene Sonderheft Digital Film Historiography: Challenges of/and Interdisciplinarity des Journal of Cultural Analytics oder der von Sarah-Mai Dang, Tim van der Heijden und Christian Gosvig Olesen herausgegebene Sammelband Doing Digital Film History: Concepts, Tools, Practices (Dang et al., 2025). Beide Veröffentlichungen stellen in ihren Beiträgen dar, dass neue, digitale Methoden entwickelt und mit bestehenden Ansätzen kombiniert werden müssen und dass hierfür eine interdisziplinäre Herangehensweise erforderlich ist. Es wird deutlich, wie digitale Technologien unser Verständnis von Film und Filmgeschichte verändern können.

Die Publikationen decken dabei ein breites Themenspektrum ab: Von der Erfassung der Daten von deutschen Filmschaffenden im Filmexil 1933 bis 1945 (Klages, 2024) über die Auswertung visueller Muster in sowjetischen Wochenschauen (Oiva et al., 2024) bis hin zu einer Annäherung an nationale Filmgeschichte mithilfe der Netzwerkanalyse (Hagener and Blaschke, 2024). Neben Forschungsdatenmanagement in der Filmwissenschaft (Dang, 2025) wird kritisch auf die Problematik der Datenbereinigung eingegangen (Schneider and Zimmermann, 2025), es werden Erfahrungen in der Lehre zu Digital Humanities und digitalen Tools in der Filmwissenschaft reflektiert (Diecke and Hagener, 2025), Analysetools wie das Distant Viewing Toolkit dargestellt (Heijden et al., 2025) und die Möglichkeiten von Visualisierungen in der Medienwissenschaft ausgelotet (Burkhardt and Loist, 2025).

2.3.3. Literatur#

[Acland & Hoyt, 2016]

Acland, C. R., & Hoyt, E. (Eds.) (2016). The Arclight guidebook to media history and the digital humanities. Sussex: REFRAME Books.

[Burkhardt & Loist, 2025]

Burkhardt, M., & Loist, S. (2025). Visualization In/As Digital Media Studies. In Dang, S.-M., Van Der Heijden, T., & Olesen, C. G. (Eds.), Doing Digital Film History (pp. 315–336). De Gruyter.

[Dang, 2018] (1,2)

Dang, S.-M. (2018 , August). Digital Tools & Big Data: Zu gegenwärtigen Herausforderungen für die Film- und Medienwissenschaft am Beispiel der feministischen Filmgeschichtsschreibung. MEDIENwissenschaft: Rezensionen | Reviews, pp. 142–156. doi:10.17192/ep2018.2-3.7836

[Dang, 2023]

Dang, S.-M. (2023 , April). The Women Film Pioneers Explorer. What Data Visualizations Can Tell Us about Women in Film History. Feminist Media Histories, 9(2), 76–86. doi:10.1525/fmh.2023.9.2.76

[Dang, 2024]

Dang, S.-M. (2024). Representing the Unknown: A Critical Approach to Digital Data Visualizations in the Context of Feminist Film Historiography. In Hagener, M., & Zimmermann, Y. (Eds.), How Film Histories Were Made (pp. 467–494). Amsterdam University Press.

[Dang, 2025]

Dang, S.-M. (2025). Managing the Past: Research Data and Film History. In Dang, S.-M., Van Der Heijden, T., & Olesen, C. G. (Eds.), Doing Digital Film History (pp. 135–156). De Gruyter.

[Dang et al., 2025]

Dang, S.-M., van der Heijden, T., & Olesen, C. G. (Eds.) (2025). Doing Digital Film History: Concepts, Tools, Practices. De Gruyter Oldenbourg.

[Diecke & Hagener, 2025]

Diecke, J., & Hagener, M. (2025). Managing Tools and Expectations: Dos and Don'ts of Teaching Digital Methods for Film Analysis and Film Historiography. In Dang, S.-M., Van Der Heijden, T., & Olesen, C. G. (Eds.), Doing Digital Film History (pp. 299–312). De Gruyter.

[Hagener & Blaschke, 2024]

Hagener, M., & Blaschke, T. (2024 , July). Approaching a National Film History through Data. Network Analysis in German Film History. Journal of Cultural Analytics, 9(4). URL: https://culturalanalytics.org/article/118499-approaching-a-national-film-history-through-data-network-analysis-in-german-film-history, doi:10.22148/001c.118499

[Hagener & Kammerer, 2020]

Hagener, M., & Kammerer, D. (2020). Infrastrukturierung der Filmforschung. Auf dem Weg zu digitalen Forschungsumgebungen im Netz? montage AV, 29(1), 43–57.

[Heijden et al., 2025]

Heijden, T. V. D., Arnold, T., & Tilton, L. (2025). Distant Viewing the Amateur Film Platform. In Dang, S.-M., Van Der Heijden, T., & Olesen, C. G. (Eds.), Doing Digital Film History (pp. 239–270). De Gruyter.

[Klages, 2024]

Klages, I. (2024 , July). A Digital Trail of Rupture. The German Film Exile 1933-1945 in the Data of GĂĽnter Peter Straschek. Journal of Cultural Analytics, 9(4). URL: https://culturalanalytics.org/article/118494-a-digital-trail-of-rupture-the-german-film-exile-1933-1945-in-the-data-of-gunter-peter-straschek, doi:10.22148/001c.118494

[Oiva et al., 2024]

Oiva, M., Ohm, T., Mukhina, K., Solà, M. C., & Schich, M. (2024 , July). Soviet View of the World. Exploring Long-Term Visual Patterns in “Novosti dnia” Newsreel Journal (1945-1992). Journal of Cultural Analytics, 9(4). URL: https://culturalanalytics.org/article/118495-soviet-view-of-the-world-exploring-long-term-visual-patterns-in-novosti-dnia-newsreel-journal-1945-1992, doi:10.22148/001c.118495

[Schneider & Zimmermann, 2025]

Schneider, A., & Zimmermann, Y. (2025). Dang, S.-M., Van Der Heijden, T., & Olesen, C. G. (Eds.). Data cleaning and diversity in digital film historiography. Doing Digital Film History (pp. 185–200). De Gruyter.